Die Leben des Billy Milligan (Buchkritik): faszinierende Persönlichkeiten

Das Buch von Daniel Keyes über den an einer dissoziativen Identitätsstörung leidenden Billy Milligan gilt inzwischen als Klassiker zum Thema (deutsche Erstausgabe 1985). Keyes schildert das Leben des in den 1970iger Jahren bekannt gewordenen Billy Milligans getreu und spannend nach. Für alle, die mehr über multiple Persönlichkeiten wissen möchten und sich fragen, wie zur Hölle nur so viele verschiedene Personen in einer einzigen Person koexistieren können, für die ist dieses Buch genau das Richtige!

Ein Sachbuch mit Potential zum Roman

Keyes hat an Billy Milligans Geschichte nicht dramaturgisch künstlich geschraubt, sondern versucht, diese so authentisch wie möglich zu erzählen. Er führte monatelange Gespräche mit Billy, und als dieser zu einer einzigen Person fusionierte, dem Professor, war es dem Autor endlich möglich, Einblicke in dessen gesamtes Leben zu bekommen. Der Professor erinnerte sich an alles, was die jeweiligen Persönlichkeiten getan hatten. Daraus entstand Keyes‘ Buch, welches sich streckenweise wie ein Roman ließt – spannend, unterhaltsam und lehrreich

Bevor ich mit der Lektüre begonnen habe, schwebte in meinem Kopf schon länger folgende Frage: „Wie zum Teufel ist es nur möglich, dass sich in einer Person so viele andere Persönlichkeiten tummeln?“ Nachdem ich die letzte Seite des Buches gelesen hatte, kannte ich die Antwort: Traumatische Erlebnisse zusammen mit der Intelligenz und unergründbaren Weite des menschlichen Verstandes waren dazu in der Lage. Billy begegnete in seinem Leben natürlich immer wieder Menschen, die ihn als Simulant und Schwindler abtaten. Aber dank vieler tapferer Psychiater, die sich für Billy einsetzten und die Wahrheit kämpften, konnte dieser (endlich) behandelt werden. 

Was Billy in seiner Kindheit und Jugend sowie im Erwachsenenalter trotz seiner „Krankheit“ alles erlebt hat, ist wirklich unglaublich (böse Stiefväter, Raubüberfälle, Drogenschmuggel, eine Liebesgeschichte, ungeahnte Reise-Trips etc.) – genauso unglaublich, wie die verschiedenen Fähigkeiten der Persönlichkeiten. Tommy (16 Jahre) war zum Beispiel handwerklich sehr begabt und konnte sich fast aus jeder Situation befreien; Ragen Vadascovinich (23 Jahre) war unglaublich stark und konnte mit Waffen umgehen und sogar fließend Serbokroatisch; Danny (14 Jahre) war ein ängstlicher Junge mit Zeichenbegabung; Adalana (19 Jahre) war eine introvertierte Lesbe, fürs Kochen zuständig; Kevin (20 Jahre), ein Kleinkrimineller, der für einige Überfälle verantwortlich war etc. Eine unglaubliche Diversität lebte da in Billy! 

Keyes‘ Buch endet 1981 mit Billys Aufnahme in einer unberechenbaren Anstalt in Lima (Ohio), wo ihm die eigentliche Therapie für an einer dissoziativen Identitätsstörung leidenden Menschen verweigert wird … 

Ein Biopic aus bzw. für Hollywood?

Wenn man einmal Billys bewegtes Leben und seine vielfältigen Persönlichkeiten kennt, verwundert es auch nicht, dass es so einige Versuche von seiten Hollywoods gab, Keyes‘ Buch und Billys‘ Leben zu verfilmen. Mit dem Projekt waren bereits Filmemacher wie James Cameron, Joel Schumacher oder auch David Fincher in Verbindung gebracht worden. 2015 war dann auch bei einem konkreteren Projekt Leonardo DiCaprio als Darsteller des Billy Milligan vorgesehen.

Letztendlich war es aber der Filmemacher M. Night Shyamalan (The Sixth Sense, 1999), welcher sich an den Stoff wagte. Er verfilmte nicht Billys‘ Leben, sondern ließ sich stark davon inspirieren, um ein neues, eigenständiges Werk zu schaffen. Dies führte zum 2016 erschienen Film Split, welcher sich zu einem weltweiten Phänomen entwickelte und nicht selten kontrovers diskutiert wurde. Die Figur des Kevin Wendell Crumb hat wie Billy Milligan ebenfalls 24 Persöhnlickeiten, wobei die 24. nicht der allwissende, gute Professor ist, sondern die allmächtige, rachsüchtige Bestie …

Was ist mit Billy Milligan passiert?

Die tragische Geschichte endet nicht mit dem Buch von Keyes. Nach fast zehn Jahren in psychatrischen Kliniken mit mal positiv, mal negativ gesinnten Psychiatern konfrontiert, wurde Billy schließlich Anfang der 1990iger Jahre entlassen. Danach lebte er eine Zeit lang in Kalifornien, wo er die Firma Stormy Life Productions besaß und einen Kurzfilm drehen wollte (der aber nie zustande kam). Billy starb 2014 im Alter von 59 Jahren an Krebs, was noch einmal für Aufregung in der Presse sorgte, zum Beispiel in der Los Angeles Times (Billy Milligan dies at 59; first to use multiple personality defense). Keyes, der Autor des Buches, starb übrigens ebenfalls 2014.

Für alle, die über multiple Persönlichkeitsstörungen mehr erfahren und nicht mehr auf Klischees zurückzugreifen möchten, denen sei die Lektüre von Keyes‘ Buch und das Eintauchen in Billy Milligans faszinierendes, aber auch trauriges Leben wärmstens empfohlen!

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