Kunst frisst Einsamkeit

Ich glaube, dass alle Menschen vor demselben Angst haben: allein zu sein. Wenn wir geboren werden, steckt es schon in unseren Genen, die uns befehlen: Sei niemals allein. Also schreien wir, und die Mama kommt. Später umgeben wir uns mit der Familie, mit Freunden, um dieses Gefühl der Sicherheit aufrechtzuerhalten. Die Definition von Kunst ist für mich, dass man dazu fähig ist, das Gefühl zu transportieren, dass man nicht allein ist. Wenn man also ein Kunstwerk betrachtet, dann ist man Teil einer imaginierten Gemeinschaft, weil man weiß, dass schon jemand anderes dieses Kunstwerk betrachtet hat und vielleicht dasselbe gefühlt hat wie man selbst.

Dieses Zitat des Filmregisseurs M. Night Shyamalan (The Sixth Sense (1999); The Village (2004); Split (2017)) hat etwas Frappierendes an sich. Nicht, weil es absolut richtig oder falsch ist, sondern weil die Frage der Beziehung zwischen der Kunst und dem Individuum bzw. der Gemeinschaft aufgeworfen wird. Ist es tatsächlich so, dass ein Kunstwerkbetrachter Teil einer „imaginierten Gemeinschaft“ ist – nur weil er weiß, andere Menschen haben auch dieses Kunstwerk betrachtet? Abgesehen davon, dass nach dieser Definition auch ein Baum Kunst sein könnte (ihn haben davor auch schon viele angesehen und bewundert), ist es auch andersherum denkbar: Der Betrachter will gerade nicht, dass seine Umgebung die Kunstwerke kennt, an denen er sich ergötzt. Denn wo bliebe da die Besonderheit? Wo ist das Einzigartige an der Mona Lisa, wenn pro Tag tausende Menschen einen lechzenden Blick auf sie werfen?

Aristoteles trifft auf Kant

Zunächst ist es interessant zu sehen, dass Shyamalans Aussage auch eine philosophische Sichtweise auf die Welt enthält. Er postuliert, dass der Mensch nicht alleine sein will und gerade nicht alleine aufwächst, sondern im Kreis der Familie. Diesen Gedanken findet man bereits bei Aristoteles: Das Individuum ist nicht bloß auf das nackte Überleben, sondern auf eine Gemeinschaft ausgerichtet. Für den Philosophen ist das Ganze dem Einzelnen vorgesetzt. Diese Sichtweise nennt man auch Holismus.

Der zweite Teil der Aussage erinnert teilweise an Kants Ästhetik: Die Schönheit ist subjektiv im Sinn eines Gefühls, das man hat, wenn man ein Kunstwerk betrachtet (hier sind die Sinne wichtig), aber auch allgemein im Sinn der Annahme, dass jemand genau so fühlt wie wir (hier ist die Vernunft wichtig). Somit ist Schönheit eine subjektive Allgemeinheit. Shyamalans Aussage wirkt also – bei aller philosophischen Vorsicht – wie eine Synthese zwischen Aristoteles und Kant. Aristotant oder gar Kantoteles? Solche Wortschöpfungen bringen uns natürlich nicht weiter. Die philosophischen Grundlagen wären gelegt. Wie steht es nun aber mit der Richtigkeit dieser Aussage?

Das Ich und die Kunst

Nehmen wir einfach mal einen Film von M. Night Shyamalan, beispielsweise The Village (2004). Wer schaut sich diesen Film an und denkt, toll, ich bin Teil einer imaginierten Gemeinschaft? Es wäre auch die entgegengesetzte Vorstellung denkbar: Ich schaue mir den Film alleine an, damit ich mit dem Kunstwerk getrost interagieren kann. Dadurch wird der Film zu einem besonderen, eben persönlichen Erlebnis. Wenn das Geheimnis des Dorfs im Film gelüftet wird, dann denkt der Zuschauer nicht: „Oh, und vor mir sind bereits so viele in das Geheimnis eingeweiht worden. Ich fühle mich als Teil dieser Gemeinschaft.“ Nein, er denkt: „Wie hat es Shyamalan geschafft, mich dermaßen hinter das Licht zu führen? Verdammt!“

Ein weiteres Problem, das sich stellt: Soll ich Filme mit anderen Menschen gemeinsam im Kinosaal anschauen oder doch lieber alleine zu Hause auf dem Sofa? Es gibt Menschen, die gehen aus sozialen Gründen ins Lichtspielhaus, und es gibt welche, die den Film alleine des Films wegen anschauen. Der richtige Kunstliebhaber, oder in diesem Fall Filmliebhaber, schaut sich das Werk um des Werks Willen an und nicht, um gleichzeitig mit Menschen zu interagieren. In solchen Momenten saugt der Betrachter das Gesehene in sich ein, lässt es ein paar Mal durch seinen Kopf flirren und schluckt es dann herunter. Ganz alleine! Da kann es auch vorkommen, dass er die Bilder zur realen Welt in Bezug setzt, aber es erscheint höchst unwahrscheinlich, dass er an andere Menschen denkt, die auch diesen Film gesehen und dasselbe gefühlt haben. Menschen, die das tun, haben einen soliden Grund dafür, mit anderen Menschen einen Film anzuschauen – dann können sie gleich beobachten, ob ihr Nebenmann auch weint oder lacht. Aber was, wenn nicht? Wenn du lachst und dein Bekannter nicht? Was, wenn anderen Menschen dein Kunstgeschmack nicht gefällt? Ist das zu akzeptieren? Was, wenn der Film Inception (2010) von Christopher Nolan für dich der Inbegriff der Beleidigung des Kinobesuchers ist, aber dein Umfeld diesen Film liebt und gar als „komplex-intelligentes Gebilde“ preist? Wer täuscht sich dann – du oder dein Umfeld? Kannst du dein Umfeld akzeptieren, das sich deiner Meinung nach gerne als souveräner Zuschauer beleidigen lässt? Oder ist Kunst wie Politik – man sollte bloß nicht anfangen darüber zu diskutieren? Oder gehört das Akzeptieren dieser Tatsachen zum Dasein des zivilisierten Menschen? Wo aber bleibt dann das Kunstherzblut der Menschen? Wenn ich mit anderen Menschen einen Film anschaue, dann folgt sofort eine Entzauberung: Soll ich meine Emotionen zeigen? Was hält der andere davon? Wird er mich auslachen, wenn ich weine? Kann ich in diesem Rahmen überhaupt meiner Filmkonsum-Gewohnheit nachkommen? Was, wenn den anderen der Film nicht gefallen hat? Werde ich das aushalten?

Schopenhauers Kunstbegriff

Kunst ist da, um sich zu vergessen bzw. sich selbst auf das Kunstobjekt zu projizieren, um es dann leiden zu sehen, selbst aber heil zu bleiben. Kunst ermöglicht einen Moment der Ruhe, des Austretens aus dem chaotischen Weltgang – das hat Arthur Schopenhauer bereits genau beschrieben: „Durch alle diese Betrachtungen wünsche ich deutlich gemacht zu haben, welcher Art und wie gross der Antheil sei, der am ästhetischen Wohlgefallen die subjective Bedingung derselben hat, nämlich die Befreiung des Erkennens vom Dienste des Willens, das Vergessen seiner selbst als Individuum und die Erhöhung des Bewusstseyns zum reinen, willenslosen, zeitlosen, von allen Relationen unabhängigen Subjekt des Erkennens“. Man wird nicht mehr betrachtet, sondern man betrachtet. Der Betrachter wird zu einem „klaren Weltauge“. Bei dem Pessimisten unter den Philosophen klingt das folgendermaßen: „Sie [die Kunst] ist überall am Ziel, denn sie reißt das Objekt ihrer Betrachtung heraus aus dem Strome des Weltlaufs und hat es isoliert vor sich. Sie ist die Betrachtung der Dinge aus der genialen Sicht.“ Deshalb muss Filmschauen alleine stattfinden, denn Kunst ist dazu da, die Realität, den Schmerz pausieren zu lassen – und die realen Menschen damit auch!

Vier Möglichkeiten gegen Einsamkeit

Shyamalans Zitatfetzen „Die Definition von Kunst ist für mich, dass man dazu fähig ist, das Gefühl zu transportieren, dass man nicht allein ist“ ist mit Sicherheit richtig. Doch dessen Begründung nicht. Es ist nämlich nicht die imaginierte Gemeinschaft, deren Teil man wird, die einem das „Gefühl transportiert“, nicht alleine zu sein, sondern das Kunstwerk an sich. Es ist die Geschichte, die erzählt wird, es sind die Protagonisten, die handeln, es ist die Welt, die erschaffen wird, die dieses Gefühl vermitteln. Kunst wird zuerst mit sich selbst ausgefochten, danach kann darüber geredet werden – oder auch nicht.

Es können nach Ansicht des Autors vier verschiedene Weisen unterschieden werden, wie Kunst das Gefühl von Gemeinschaft und Verbundenheit erzeugt. Zunächst bin ich tatsächlich ein Teil der Menschen, die das Kunstwerk in dem Moment „sehen“, in dem auch ich es „sehe“. Dies wäre der Fall etwa in einem Kinosaal oder einer Konzerthalle. Dabei handelt es sich aber um die deutlich schwächste Art und Weise.

Die zweite, schon stärkere Möglichkeit: Ich werde Teil einer Wertegemeinschaft mit allen Menschen, denen das Kunstwerk ebenfalls gefallen hat. Sei es eine Fangruppe oder eine Stiftung.

Darüber hinaus gilt es drittens den Verschmelzungseffekt mit dem Kunstwerk zu erwähnen. Hier trete ich mit den Protagonisten des Kunstwerks in Verbindung, werde ein Teil des Werks und verliere mich in dessen Botschaft, Handlung oder Atmosphäre. Die Einsamkeit ist vergessen, die Kunst hat sie gefressen.

Die letzte und bedeutendste Art und Weise, wie ein Gefühl der Verbundenheit erzeugt werden kann, ist aber immer noch der gedankliche Austausch, der sich zwischen mir und dem Schöpfer des Kunstwerks einstellt. Begreife ich ihn als einen „Freund“, der die Welt genauso sieht wie ich selbst, oder als einen Gesprächspartner der besonderen Art? Äußerst zutreffend beschrieben hat diesen Effekt Michel Houellebecq in seinem Roman Unterwerfung (2015) im Hinblick auf die Literatur: „[Diese] erlaubt uns, mit dem Geist eines Toten in Verbindung zu treten, auf direkte, umfassendere und tiefere Weise, als das selbst in einem Gespräch mit einem Freund möglich wäre – denn so tief und dauerhaft eine Freundschaft sein mag, niemals liefert man sich in einem Gespräch so restlos aus, wie man sich einem leeren Blatt ausliefert, das sich an einen unbekannten Empfänger richtet. […] Ein Buch, das man mag, ist zudem vor allem ein Buch, dessen Autor man mag, dem man gern begegnet, mit dem man gern seine Tage verbringt.

Diese höchste Art, mit dem Kunstwerk und seinem Schöpfer in Interaktion zu treten, hat jedoch eine Bedingung: Der Betrachter muss alleine sein, denn sonst ist ein unge- zwungener, improvisierter, gründlicher, besonderer Dialog nicht möglich. Und hier ist das eigentliche Paradox: Ich muss alleine sein, damit die Kunst meine Einsamkeit frisst!

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