Curry Barkers Obsession (2026) ist frische Luft fürs Horrorgenre: Ein bitterböser Liebesfilm über Besitz und Begehren, der eindrucksvoll beweist, dass die spannendsten Schrecken derzeit aus dem Indie-Kino kommen (und nicht aus den Studios).

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Vom YouTube-Sketch zum Box-Office-Wunder
Man kann inzwischen fast eine Faustregel daraus machen: Wer im modernen Horror reüssieren will, sollte vorher Comedy gemacht haben. Jordan Peele überzeugte mit Get Out (2017), Zach Cregger machte mit Barbarian (2022) und Weapons (2025) ein Muster daraus, die Brüder Danny und Michael Philippou sprangen mit Talk to Me (2022) auf den Zug auf. Und nun reiht sich der erst 26-jährige Curry Barker in diese Ahnengalerie ein, der mit seinem Partner Cooper Tomlinson auf dem Kanal „That’s a Bad Idea“ über 700 Millionen Aufrufe gesammelt hat. Es scheint, als mache niemand besseren Horror als Ex-Comedy-Profis.
Barkers Weg ist dabei selbst schon das Material für eine kleine Hollywood-Legende: Sein Found-Footage-Debüt Milk & Serial (2024) drehte er für sage und schreibe 800 Dollar und stellte es kostenlos auf YouTube, woraufhin ihm halb Hollywood die Tür einrannte. Obsession feierte dann im September 2025 in der Midnight-Madness-Sektion des Toronto International Film Festival Premiere, wurde dort zum ersten Nachrücker beim Publikumspreis und löste einen Bieterwettbewerb aus, den Focus Features für 14 bis 15 Millionen Dollar gewann. Gedreht wurde der Film für weniger als eine Million Dollar – ein Budget, das in heutigen Hollywood-Maßstäben kaum für den Catering-Wagen reichen würde.
Achtung vor dem Wunsch!
Die Prämisse ist relativ simpel: Bear (Michael Johnston) ist ein schüchterner Angestellter in einem Musikladen, der seiner Kollegin und Jugendfreundin Nikki (Inde Navarrette) seine Gefühle nicht zu gestehen wagt. Statt den klassischen Weg zu gehen, wünscht er sich, dass Nikki ihn mehr liebt als alles andere auf der Welt. Was folgt, ist die monströse Erfüllung dieses Wunsches – ein objektiv grauenhaftes Szenario, in dem ein Mann einer Frau die Seele nimmt und sie in eine psychotische Kopie ihrer selbst verwandelt …
Damit liegt Obsession präzise auf der Linie, die Zach Cregger gezogen hat: sadistische Gewalt, eine Menge Ironie, schwarzer Humor. Klug ist, dass Barker das Böse nicht zur bloßen Metapher verkommen lässt, sondern es einfach existieren lässt – und seinen Kommentar darüber findet, wie wir auf das reagieren, was wir nicht verstehen. Wer schon einmal in einer obsessiven Beziehung steckte, wird zudem einige Szenen mit unbehaglichem Wiedererkennen verfolgen, etwa wenn der Partner partout nicht allein gelassen werden will. Dazu ein paar wirklich innovative Schockmomente und dieses grausige Lächeln von Nikki, das beinahe an die gelungenen Smile-Filme denken lässt (jene seltenen Beispiele dafür, dass auch Hollywood-Horror funktionieren kann).
Indie schlägt Hollywood
Der eigentliche Triumph spielt sich aber an der Kinokasse ab. Im zweiten Wochenende in den USA legte der Film um sagenhafte 30 Prozent auf 22,4 Millionen Dollar zu. Das ist historisch: Horrorfilme brechen sonst gern um 60 Prozent ein, Obsession fuhr stattdessen den besten „Sophomore-Hold“ eines Horrorfilms in der Geschichte des US-Box-Office ein. Die (digitale) Mundpropaganda des jungen Publikums scheint zu funktionieren.
Ein kreativer, intelligenter Mikrobudget-Film düpiert die teuren, einfallsarmen Großproduktionen – ein hoffnungsvolles Signal für Amerikas Indie-Filmemacher. Obsession dürfte am Ende irgendwo dort landen, wo Osgood Perkins‘ Longlegs (128 Mio. Dollar) gelandet ist.
Curry Barker scheint eine glänzende Zukunft bevor zu stehen. Sein nächster Film, der Blumhouse-Schrecken Anything but Ghosts (mit Aaron Paul und Bryce Dallas Howard), ist bereits abgedreht. Und als dritter Streich wartet wohl eine Neuauflage von The Texas Chain Saw Massacre für A24. Ob das gut geht? Bei einem Klassiker dieses Kalibers ist Skepsis erlaubt. Aber wenn einer das nötige Gespür mitbringt, dann wohl dieser Ex-Comedian aus dem Internet. Man kann es nur hoffen.
OBSESSION
Regie: Curry Barker / USA / 2026 / 109 Minuten
Besetzung: Michael Johnston, Inde Navarrette, Cooper Tomlinson, Megan Lawless, Andy Richter
Verleih: FOCUS FEATURES